Coriolanus

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Zweiter Senator. Edler Aufidius, Nehmt Eure Vollmacht, eilt zu Euren Scharen, Laßt uns zurück, Corioli zu schützen; Belagern sie uns hier, kommt zum Entsatz Mit Eurem Heer zurück; doch sollt Ihr sehn, Die Rüstung gilt nicht uns.

Aufidius. O! zweifelt nicht; Ich sprech aus sichrer Nachricht. Ja--noch mehr, Schon rückten einge Römerhaufen aus, Und nur hieherwärts. Ich verlass euch, Väter. Wenn wir und Cajus Marcius uns begegnen, So ist geschworen, daß der Kampf nicht endet, Bis einer fällt.

Alle Senatoren. Die Götter sein mit Euch!

Aufidius. Sie schirmen eure Ehren.

Erster Senator. Lebt wohl!

Zweiter Senator. Lebt wohl!

Aufidius. Lebt wohl!

(Alle ab.)

Dritte Szene

Rom, im Hause des Marcius Volumnia und Virgilia sitzen und nähen

Volumnia. Ich bitte dich, Tochter, sing, oder sprich wenigstens trostreicher; wenn mein Sohn mein Gemahl wäre, ich würde mich lieber seiner Abwesenheit erfreuen, durch die er Ehre erwirbt, als der Umarmungen seines Bettes, in denen ich seine Liebe erkennte. Da er noch ein zarter Knabe war und das einzige Kind meines Schoßes, da Jugend und Anmut gewaltsam alle Blicke auf ihn zogen, als die tagelangen Bitten eines Königs einer Mutter nicht eine einzige Stunde seines Anblicks abgekauft hätten, schon damals--wenn ich bedachte, wie Ehre solch ein Wesen zieren würde, und daß es nicht besser sei als ein Gemälde, das an der Wand hängt, wenn Ruhmbegier es nicht belebte--war ich erfreut, ihn da Gefahren suchen zu sehn, wo er hoffen konnte, Ruhm zu finden. In einen grausamen Krieg sandte ich ihn, aus dem er zurückkehrte, die Stirn mit Eichenlaub umwunden. Glaube mir, Tochter, mein Herz hüpfte nicht mehr vor Freuden, als ich zuerst hörte, es sei ein Knabe, als jetzt, da ich zuerst, sah, er sei ein Mann geworden.

Virgilia. Aber wäre er nun in der Schlacht geblieben, teure Mutter, wie dann?

Volumnia. Dann wäre sein Nachruhm mein Sohn gewesen; in ihm hätte ich mein Geschlecht gesehn. Höre mein offenherziges Bekenntnis: hätte ich zwölf Söhne, jeder meinem Herzen gleich lieb, und keiner nur weniger teuer als dein und mein guter Marcius, ich wollte lieber elf für ihr Vaterland edel sterben sehn, als einen einzigen in wollüstigem Müßiggang schwelgen. Es tritt eine Dienerin auf.

Dienerin. Edle Frau, Valeria wünscht Euch zu sehn.

Virgilia. Ich bitte, erlaubt mir, mich zurückzuziehn.

Volumnia. O nein! das sollst du nicht. Mich dünkt, bis hier tönt deines Gatten Trommel, Er reißt Aufidius bei den Haaren nieder; Wie Kinder vor dem Bären fliehn die Volsker. Mich dünkt, ich seh's! So stampft er und ruft aus: "Memmen, heran! In Furcht seid ihr gezeugt; Obwohl in Rom geboren." Und er trocknet Die blutge Stirn mit ehrner Hand, und schreitet So wie ein Schnitter, der sich vorgesetzt, Alles zu mähn, wo nicht, den Lohn zu missen.

Virgilia. Die blutge Stirn!--o Jupiter! kein Blut.

Volumnia. O schweig, du Törin! schöner ziert's den Mann Als Goldtrophäen. Die Brust der Hekuba War schöner nicht, da sie den Hektor säugte, Als Hektors Stirn, die Blut entgegenspritzte Im Kampf den Griechenschwertern.--Sagt Valerien, Wir sind bereit, sie zu empfangen.

(Dienerin ab.)

Virgilia. Himmel! Schütz meinen Mann vorm grimmigen Aufidius.

Volumnia. Er schlägt Aufidius' Haupt sich unters Knie Und tritt auf seinen Hals.

(Valeria tritt auf.)

Valeria. Ihr edlen Frauen, euch beiden guten Tag!

Volumnia. Liebe Freundin--

Virgilia. Ich bin erfreut, Euch zu sehn, verehrte Frau.

Valeria. Was macht ihr beide? Ihr seid ausgemachte Haushälterinnen. Wie!--Ihr sitzt hier und näht?--Ein hübsches Muster, das muß ich gestehn.--Was macht Euer kleiner Sohn?

Virgilia. Ich danke Euch, edle Frau, er ist wohl.

Volumnia. Er mag lieber Schwerter sehn und die Trommel hören, als auf seinen Schulmeister acht geben.

Valeria. O! auf mein Wort, ganz der Vater. Ich kann's beschwören, er ist ein allerliebstes Knabe. Nein wahrlich, ich beobachtete ihn am Mittwoch eine halbe Stunde ununterbrochen; er hat etwas so Entschloßnes in seinem Benehmen.

William Shakespeare
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