Angelo. Erlaubet wenigstens, gnädigster Herr, daß wir euch einige Umstände--

Herzog. Wir können keinen Augenblik länger verziehen. Auch habt ihr, bey meiner Ehre, nicht nöthig euch das mindeste Bedenken zu machen. Euer Werk ist, wie das unsrige, die Geseze so einzurichten und in Würksamkeit zu sezen, wie ihr es am besten achtet. Gebt mir eure Hand, ich werde in geheim abreisen. Ich liebe das Volk, aber ich seze mich ihm nicht gern zur Schau aus; ob es gleich wohl thut, so bin ich doch kein Liebhaber ihres lauten Zujauchzens, und habe keine grosse Meynung von der Bescheidenheit derjenigen, die dergleichen Dinge lieben. Noch einmal, lebet wohl.

Angelo. Der Himmel befördere euer Vorhaben.

Escalus. Und bringe euch glüklich zurük.

Herzog. Ich danke euch, lebet wohl.

(Er geht ab.)

Escalus. Ich muß euch, mein Herr, um Erlaubniß bitten, eine freye Unterredung mit euch zu haben. Es ist mir daran gelegen, mein Amt recht zu kennen. Ich habe eine Gewalt; aber ich bin nicht belehrt, wie weit sie sich erstrekt.

Angelo. Es geht mir eben so; wir wollen uns mit einander hinwegbegeben, und durch Vergleichung unsrer Instructionen uns ins Klare sezen.

Escalus. Ich werde Euer Gnaden folgen.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene. (Eine Straasse.) (Lucio und zween Edelleute.)

Lucio. Wenn der Herzog, und die übrigen Herzoge sich mit dem König von Ungarn nicht vergleichen können, so werden sich alle Herzoge wider den König vereinigen.

1. Edelmann. Der Himmel geb uns seinen Frieden, aber nicht des Königs in Ungarn seinen.

2. Edelmann. Amen!

Lucio. Du betest wie jener andächtiger Seeräuber, der mit den zehen Gebotten zu Schiffe stieg, aber eines aus der andern Tafel auskrazte.

2. Edelmann. Du sollt nicht stehlen--

Lucio. Eben das.

1. Edelmann. Hatte er nicht Ursache? Das ist ein Gebott, das seine Leute von ihrer Schuldigkeit abgehalten hätte; denn sie schiften sich ein, um zu stehlen. Es ist nicht einer unter uns Soldaten, dem in dem Gebet vor dem Essen, die Bitte für den Frieden gefiele.

2. Edelmann. Ich habe doch nie keinen Soldaten gehört, der sie mißbilligt hätte.

Lucio. Das glaub ich dir; du bist vermuthlich nie dabey gewesen, wenn man das Tischgebet gesprochen hat.

2. Edelmann. Nie? wenigstens ein duzendmal.

1. Edelmann. Wie? In Reimen?

Lucio. In allen Reim-Arten und in allen Sprachen.

1. Edelmann. Und auch in allen Religionen denk' ich.

Lucio. Warum das nicht?--Aber seht, seht, hier kommt Madam Gutherzigkeit.

1. Edelmann. Wahrhaftig, die Krankheiten, die ich unter ihrem Dach aufgelesen habe, kommen mich--

2. Edelmann. Wie hoch, wenn ich bitten darf?

1. Edelmann. Rathet?

2. Edelmann. Dreytausend Thaler jährlich?

1. Edelmann. Ja, und mehr.

Lucio. Eine französische Crone mehr.

Vierte Scene. (Die Kupplerin, die Vorigen.)

1. Edelmann. Wie gehts, Mutter, auf welcher Seite habt ihr das Hüftweh am nachdrüklichsten?

Kupplerin. Gut, gut, dort wird einer ins Gefängniß geführt, der fünftausend wie ihr seyd werth ist.

1. Edelmann. Wer ist das, ich bitte dich?

Kupplerin. Zum Henker, Junker, es ist Claudio; Signor Claudio.

1. Edelmann. Claudio ins Gefängniß? das kan nicht seyn.

Kupplerin. Ich weiß aber daß es ist; ich sah, wie er angehalten wurde; ich sah ihn wegführen, und was noch mehr ist, in den nächsten drey Tagen wird ihm der Kopf abgeschlagen werden.

Lucio. Das stünde mir gar nicht an; bist du dessen gewiß?

Kupplerin. Nur allzugewiß; und das alles, weil er der Fräulein Juliette ein Kind gemacht hat.

Lucio. Glaubt mir, es kan seyn; er versprach mir, vor zwey Stunden mich hier anzutreffen, und er war immer genau sein Wort zu halten.

1. Edelmann. Und überdas stimmt dieser Bericht mit dem öffentlichen Ausruf ein.

Lucio. Kommt, wir wollen sehen, was an der Sache ist.

Fünfte Scene. (Die Kupplerin, Harlequin.)

Kupplerin. Was bringst du neues?

Harlequin. Seht ihr nicht den Mann dort, den man ins Gefängniß führt?

Kupplerin. Was hat er denn gemacht?

Harlequin. Eine Frau.

Maaß für Maaß Page 03

William Shakespeare

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