Aemilia. Ihr sollt mir gewiß keine Lobrede schreiben!

Jago. Ich rathe euch nicht, daß ihr mich dazu bestellet.

Desdemona. Was würdest du von mir schreiben, wenn du mich loben müßtest?

Jago. O Gnädige Frau, sezt mich nicht in Versuchung; ich bin nichts, oder ich bin ein Criticus.

Desdemona. Kommt, eine kleine Probe--Dort ist jemand in die Bay eingelauffen. --

Jago. Ja, Gnädige Frau.

Desdemona. Ich bin nicht aufgeräumt; ich belüge das was ich bin, indem ich was anders scheine;--Komm, was wolltest du zu meinem Ruhm sagen?

Jago. Ich bin würklich daran; aber, in der That, meine Erfindung geht so ungern von meinem Hirnkasten ab, wie Vogel-Leim von einem Frieß-Rok-- doch meine Muse arbeitet, und nun ist sie entbunden--Ein jeder Mund bekennt und spricht, sie ist so weis' als schön, Doch eines zehrt das andre auf, das muß man auch gestehn.

Desdemona. Vortreflich; aber wie, wenn sie schön und albern wäre?

Jago. Albern? Gut, die blödste Schöne hatte stets so viel Verstand Daß sie, wo nicht einen Mann, mindstens einen Erben fand.

Desdemona. Das sind alte abgedroschne Einfälle, um Narren im Bierhause lachen zu machen. Was für ein armseliges Lob hast du dann für eine, die häßlich und albern ist?

Jago. Keine ist so dumm und häßlich, die an List bey schlimmer Sache Den Verschmiztesten und Schönsten nicht den Vorzug streitig mache.

Desdemona. O grobe Ungeschiklichkeit! Du lobest die Schlechteste am besten. Aber was könntest du dann zum Lob eines Frauenzimmers sagen, das in der That Lob verdiente? Einer solchen, deren Verdienste so unstreitig wären, daß sie es auf den Ausspruch der Bosheit selbst ankommen lassen dürfte?

Jago. Die, bey niemals welker Schönheit frey von Stolz und Eigensinn, Meisterin von ihrer Zunge, und doch keine Schreyerin, Immer Geld im Beutel hat, und sich nie dadurch entehrte, Die gelassen meiden kan, was ihr Herz sich gern gewährte; Die, wenn sie der Mann beleidigt, doch der Rache gern entsagt, Welche sanften Weiber-Herzen, wie man glaubt, so sehr behagt: Die so treu der Weisheit ist, daß sie nie in ihrem Leben, Um den Schwanz des besten Salms, eines Schel-Fischs Kopf gegeben; Die zwar denkt, doch was sie denkt, niemand als sich selbst vertraut, Noch, wenn ihr Verehrer folgen, aus Zerstreuung um sich schaut; Diese, wenn sie jemals war, konnte wol vortrefflich taugen--

Desdemona. Und wozu dann?

Jago. Ein Schmahl-Bier-Protocoll zu führen, und Narren auszusaugen.

Desdemona. O, was für ein krüppelhafter, armseliger Schluß! Lerne ja nichts von ihm, Aemilia, ob er gleich dein Mann ist. Was sagt ihr, Cassio, würd' er nicht einen feinen Rath abgeben?

Cassio. Es ist besser gemeynt als gesagt, Madam; Euer Gnaden werden den Soldaten grösser in ihm finden, als den Gelehrten.

Jago (bey Seite.) Er nimmt sie bey der Hand; gut, wol gegeben--flüstert einander ins Ohr--Ich brauche kein stärkeres Gewebe als diß, um eine so grosse Fliege wie Cassio zu verstriken. Ey ja doch, lächle sie an, thu's-- in deiner eignen Höflichkeit sollst du gefangen werden--Ihr habt recht, es ist so, in der That--Wenn solche arme kleine Freyheiten euch um eure Lieutenants-Stelle bringen sollten, so wär' es besser, ihr hättet eure drey Finger nicht so oft geküßt--O vortrefflich! wol geküßt! vortreffliche Galanterie!--es ist so, in der That-- Noch einmal--eure Finger an eure Lippen? Ich wollt' es wären Clystier-Sprizen, so lieb seyd ihr mir.

(Trompeten.)

Ha, der Mohr kommt; ich kenne seine Trompete.

Cassio. Es ist würklich so.

Desdemona. Wir wollen ihm entgegen gehen--

Cassio. Seht, hier ist er schon.

Sechste Scene. (Othello und Gefolge zu den Vorigen.)

Othello. O meine schöne Heldin!

Desdemona. Mein theurer Othello!

Othello. Meine Verwundrung euch vor mir hier zu sehen, ist so groß als mein Vergnügen. O Wonne meines Herzens! Wenn auf jeden Sturm eine so süsse Stille folgte, so möchten die Winde blasen, bis sie den Tod aufgewekt hätten: So möchte die arbeitende Barke an Hügeln von Wasser bis an den Olymp hinauf klettern, dann wieder so tief sich tauchen, als die Hölle vom Himmel ist! Wenn ich izt sterben müßte, so wär's in dem Augenblik, da meine Glükseligkeit ihren höchsten Punkt erreicht hat; ich besorge sehr, diese Wonne meiner Seele ist zu groß, als daß noch eine solche in der unbekannten Zukunft für mich ligen kan.

William Shakespeare
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