Pandolph. Alle Form ist unförmlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der Freundschaft mit England entgegensteht. Zu den Waffen also; sey der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird ihren Fluch über dich aussprechen, den Fluch einer Mutter über einen rebellischen Sohn. Frankreich, es wäre dir besser eine Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Löwen bey seiner mördrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zähnen zu halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du hältst.

König Philipp. Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zurük ziehen.

Pandolph. Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest, wie in einem Bürger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen Versprechen. Hast du nicht dein erstes Gelübde dem Himmel gethan, nemlich ein Beschüzer unsrer Kirche zu seyn, und muß dieses nicht zuerst erfüllt werden? Was du seitdem geschworen hast, ist wieder dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden; denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur hältst; und wenn du ihn nicht hältst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht nicht besser halten, als wenn du ihn nicht hältst. In diesem Fall ist das Rechtmäßigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht, aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt Untreue, wie Feuer in den gerösteten Adern eines Menschen, der verbrennt wird, das Feuer kühlt. Die Religion ist es, was beschworne Gelübde halten macht; allein du hast wider die Religion geschworen; du schwörst bey etwas, wider welches du schwörst, und machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid, dessen Treue du dadurch unsicher machst. Wenn man schwört, so schwört man ja allein, daß man nicht meineidig seyn soll; was für ein Gespötte wär' es sonst zu schwören? Du aber schwörst allein, um falsch zu schwören; und bist meineidig, wenn du hältst was du geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten geschworen hast, ist also in dir selbst eine Empörung gegen dich selbst. Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen, als wenn du dein beßres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst, dir beystehen soll. Wo nicht, so wisse, daß unsre Flüche so heftig auf dich blizen sollen, daß du nicht vermögend seyn wirst sie abzuschütteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung sterben wirst.

{ed.-* In dieser langen Rede läßt Shakespeareden Legaten seine Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll, nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lächerlich machen. Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stüks geschieht, als ein Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich vermuthe, die Absicht war zu zeigen, daß die Römischen Höflinge ungleich bessere Politici als Theologi seyen. Warbürton.}

Östreich. Rebellion, offenbare Rebellion--

Faulconbridge. Kan es denn nicht seyn? Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein Maul stopfen kan?

Ludwig. Vater, zu den Waffen.

Blanca. An deinem Hochzeit-Tage? Wider das Blut, mit dem du dich vermählt hast? Wie? Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen? Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu unserm hochzeitlichen Gepränge geben? O höre mich, mein Gemahl, (o Himmel! wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen Knien, bitt' ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen Oheim.

Constantia. O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien, bis sie hart würden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel zugedachte Rache nicht ab.

Blanca. Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was für ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer Gemahlin?

Constantia. Das was ihn und dich aufrecht erhält, seine Ehre.

William Shakespeare
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